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Cześć Polska! - Hallo, Polen! (2. Teil)

von Martin Schurz

Von Płock nach Gdańsk

Nach einer ruhigen Nacht und ohne sehr frühe Zeltheizung wurde ich trotzdem sehr frühzeitig durch ein sehr lautes Trompetensignal oder Heulen, geweckt. Kurz danach erfolgte ein etwas eigenartiges, sehr zeltnahes, lautes, hundeartiges Bellen. Kurz danach war wieder Ruhe und ich konnte mein großes Küchenmesser wieder weglegen und noch etwas weiterschlafen, denn es war erst 6 Uhr.

Nachdem ich mich dann doch endlich aus dem Zelt heraus bewegte, erfolgte wie an jedem Morgen die Spurensuche im Sand um mein Zelt herum, welche Art von Besuchern ich in der Nacht so hatte. Und was mussten meine Augen sehen? Ziemlich große Hundespuren immer rings um das Zelt die ins dichte Uferdickicht führten. Gut dachte ich, wer oder was es auch war, er ist ja offensichtlich weg. Also erstmal Kaffee kochen und frühstücken.

Doch he, wo ist die dritte Schraubdose von etwa 10 l Inhalt? Die große ca. 30 l Inhalt und eine kleine standen vor dem Zelt. Mein Lebensmittelvorrat ist in diesen Dosen verstaut. Beim Öffnen derselben stellte ich fest, dass die Haferflocken, das Brot, Butter und diverse andere Lebensmittel dort waren wo sie hingehörten. Aber in der nicht mehr auffindbaren Dose war der schöne Schwarzwälder Schinken, der Speck und einige Knackwürste mitsamt meiner Knoblauch-Vorräte. Stinksauer und Vorstellung von einer Hungersnot, so aß ich mein Frühstück und überlegte, wer der Räuber gewesen sein könnte.

 

Auf Grund der Größe der Fußspuren und der eigenartigen Geräusche kam ich zur Überzeugung, dass der Täter nur ein Wolf gewesen sein konnte. In Polen ist der Einwanderer aus Russland nämlich schon seit Jahrzehnten heimisch, im Gegensatz zu Deutschland. Es stellt sich für mich nur die Frage, ob Wölfe Rechtsgewinde kennen und in der Lage sind, den roten Schraubdeckel vom weißen Behälter abzuschrauben. Greifen und wegtragen funktioniert ja offensichtlich recht gut. Kaputtbeißen ginge wahrscheinlich auch. Hoffentlich findet der Räuber nach dem Verzehr des Inhalts auch eine Mülltonne um die Plastikreste zu entsorgen.

Da der Wind immer noch fast von vorn kam und natürlich auf dem breiten Stausee an Stärke zunahm versuchte ich mit dem mitgeführten Segel die Fortbewegung auf diese Weise. Kreuzenderweise war das auch eine Möglichkeit in ziemlich schneller Fahrt von einem Ufer an das andere zu kommen. Natürlich nahm auch die Höhe der Wellen zu, bis zu 50 cm. Das ganze machte mir zwar einen Heidenspaß, aber wenn man dadurch nur 2 bis 3 km in der Stunde vorankommt bringt es für ein weiteres Fortkommen auch nicht gerade viel. Also stramm weiter paddeln.

 

In einer kleinen Bucht ankerte eine kleine Segeljacht und davor fand ich eine geeignete Stelle zum Zelten. Da kannte ich aber Leszek Pichota noch nicht, denn der war sofort zur Stelle und nahm mich in Empfang. Im Hintergrund hörte ich die ganze Zeit schon Kruwkas Kühe muhen. Neben uns stand ein ehemaliger Militär Funkkoffer und diente Leszek als Unterkunft. Umgehend wurde ich aufgefordert, am großen, selbst gezimmerten Tisch Platz zu nehmen und ein großes Glas frischer Kuhmilch zu trinken. Dazu gab es selbst eingelegte Salzgurken und die leckeren Kruwka-Bonbons. Leszek wollte alles wissen was mich bewegte diese Tour zu machen. Wie selbstverständlich wurde ich natürlich auch zum Abendessen eingeladen. Natürlich durfte auch der delikate polnische Wodka nicht fehlen. Zum Glück holte mein neuer Freund Leszek eine Plastiktüte raus und entnahm ihr gefühlte 10 Tabletten, die er tapfer herunter schluckte. Als er mir noch einen Wodka anbot, aber wegen seiner Medikamente selbst keinen mehr trinken durfte, lehnte ich natürlich dankend ab. Anschließend bekam ich noch eine kleine Führung zu den Kühen und den Gemüsefeldern. Da es mittlerweile schon dunkel war, kam Leszek natürlich mit einer Taschenlampe zum Ufer leuchtete mir beim Zeltaufbau. Danach saßen wir noch ganz lange am Ufer und beobachteten einen wunderschönen Mondaufgang über dem Stausee.

Weiter ging's auf dem langen Stausee Richtung Włocławek zur Schleuse und dem Staudamm. Wie immer bei Gegenwind. Beim Schleusenmeister keine Chance auf Schleusung wegen Niedrigwasser. Bei etwa 13 m Höhenunterschied zwischen Ober- und Unterwasser würden natürlich ungefähr zehntausend Kubikmeter Wasser abfließen, denn die Schleusenkammer ist doch ziemlich groß. Nachdem mein Boot aus dem Wasser war und auf dem Bootswagen lag, konnte ich über das Schleusengelände und die Straße und etwa 500m Beton-Weg den Abstieg zum Wasser wagen. Wieder waren die Böschungen sehr steil. Ein ziemlich korpulenter Angler bot mir seine Hilfe an und hielt die Bootsleine. Aber leider sauste ihm die Bootsleine durch die Finger und er saß plötzlich unsanft auf dem Hintern. Das Boot sauste mit zunehmender Geschwindigkeit die Böschung herunter und schwamm dann mit untergeschnalltem Bootswagen im Wasser. Nach dem ersten Schreck konnte ich aber keine Schäden am Boot feststellen. Außer einer leichten Steiß Prellung ist auch dem hilfsbereiten Angler nichts passiert. Ich bedankte mich dziekuje bardzo bei ihm. Die ganze Aktion hat mir ungefähr eineinhalb Stunden schweißtreibende Arbeit beschert.

Am nächsten Tag, einem Sonntag, sollte mein Tagesziel die schöne alte Stadt Torun Thorn sein, bekannt durch den großen Sohn dieser Stadt - Nikolaus Kopernikus.

Nach einer Woche Wildnis machte ich mich landfein und vertäute mein Boot am offiziellen Kajaksteg. Der Kulturschock ließ nicht lange auf sich warten, denn ich war plötzlich inmitten von Menschenmassen. Auffällig war für mich die Häufung von Handy-Liebhabern, die von ihrer Umgebung nicht mehr viel wahrnehmen. Schade für die schöne Stadt mit ihrer wunderschönen Lage an der Wisla. Trotzdem fühlte ich mich von vielen Leuten beobachtet. Als ich mich in einer Schaufenster-Scheibe betrachtete, merkte ich auch, was so auffällig an mir war. Mein 20 Liter Faltwassertank hing leer an meiner Fototasche. Na gut, erstmal eine schöne Gaststätte

aufgesucht und ein schönes Steak bestellt, sowie ein schönes kühles Bier genossen. Nach einer Woche eigener Kochversuche genießt man doch ganz anders. Selbstverständlich führte mich die nette Kellnerin auch zu einer Wasserstelle, um meinen Tank mit frischem Trinkwasser zu füllen. Nach etwa 3 Stunden Landgang war ich dann aber auch froh, wieder in der freien Natur zu sein.

Ab Bydgoszcz, als dem westlichsten Ort meiner Fahrt fließt die Wisła erstmal ein gutes Stück in Nordostrichtung und dann fast in Nordrichtung der Ostsee entgegen. Ich frohlockte schon, endlich dem ständigen Gegenwind ein Schnäppchen zu schlagen und tatsächlich hatte ich ab Bydgoszcz den Wind von der Seite. Sofort den Mast gestellt und die Segel getakelt und die Post ging ab. Nach dieser windigen Etappe hatte ich zum ersten mal 60 km an einem Tag zurückgelegt, und konnte mich etwas erholen. Das Am Windsegeln erzeugt eben doch die höchste mögliche Geschwindigkeit. Nach diesem recht erfolgreichen Tag schaltete ich am Abend mein Handy ein um meinen Standort zu ermitteln und ein Lebenszeichen in die Heimat durch zu geben.

 

Als nächsten Etappenort erreichte ich am Abend Grudziadz Graudenz, eine von den etwas größeren Städten im Verlauf meiner Fahrt. Auf der rechten Flussseite waren schon die gewaltigen Bauten der Graudenzer Festung im roten Backstein Stil zu sehen. Sofort erkannte ich die Möglichkeit mit der untergehenden Sonne wunderbare Fotos der Festung zu machen.

Betrachtet man mal das Höhenprofil von Polen, so bemerkt man natürlich, das es sich weitgehend um eine große Tiefebene handelt. Das Riesengebirge, die Hohe Tatra und die Beskyden im Süden des Landes mal ausgenommen. Umso mehr erstaunten mich die in regelmäßigen Abständen, bis kurz vor der Mündung, vorhandenen Flussdurchbrüche. Einige Durchbrüche erinnerten mich im Aussehen an die Kliffe auf der Insel Rügen. Selbst in der Höhe über dem Wasserspiegel können es manche mit denen auf Rügen aufnehmen.

Ein näherkommendes Brummen eines Außenbordmotors erregte meine Aufmerksamkeit. Ein Zweier Canadier war mit einem Gestänge und einer Plattform mit einem schmalen Schwimmausleger verbunden. Auf der Plattform stand ein bequemer Sessel, hinter dem Sessel war der 1,5 PS Heckmotor befestigt. Das bemerkenswerteste jedoch war, das auch während der Fahrt auf der Plattform aufgebaute Zelt. Ein echter Erfindergeist, wie man ihn wahrscheinlich nur hier finden kann. Ein echtes Kajüt-Katamaran Boot mit dem der Bootsführer sicher auch viel Spaß hatte. Später erfuhr ich das solche Art von Fahrzeugen Pirogen genannt werden und in der Südsee von den Eingeborenen zum Fischfang verwendet wurden.

 

Etwa 5km vor der Mündung in die Ostsee bog ich links in die Martwa Wisła ab. Nach 10 km Fahrt erreichte ich den kleinen Neptun Jachtclub morski. Ein kleiner Segelboot Hafen im Danziger Vorort Gorki Zachodnie, etwa einen Kilometer vor der Mündung der Martwa Wisła in die Ostsee. Ich erkundigte mich beim Bosman, dem Hafenmeister, ob hier ein paar Übernachtungen möglich sind, was er bejahte. Nur müsste ich mich morgen früh beim Pan Kirownik, Herrn Direktor, melden. Dieser fühlte sich natürlich am nächsten Tag sehr geschmeichelt über die ehrfurchtsvolle Begrüßung meinerseits. Er übergab mir den Schlüssel für das große Eingangstor.

Damit war nun die Fahrt auf dem Wasserweg beendet.  


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