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Dzień dobry Polska - Guten Tag, Polen! (1. Teil)

von Martin Schurz

Wieso eigentlich nach Polen?

Eine Dienstreise im November 1974 führte mich zum ersten Mal in unser Nachbarland, u.a. nach Krakow. Da unser Bus nach Kielce erst in 4 Stunden abfuhr, machten wir erst mal einen kleinen Stadtrundgang durch das schöne Krakow. Der Rynek Markt mit den Tuchhallen und der wunderschönen Marienkirche beeindruckte uns sehr. 

Weiter zum Wawel, dem alten Königsschloss, und dann, unterhalb des Wawels, lag sie auf einmal vor mir. Die Wisła, - zu Deutsch Weichsel - der polnische Nationalfluss und meine erste Begegnung mit ihm. Jedenfalls war es das erste Zusammentreffen mit diesem Fluss und meine Gedanken waren damals: Hier werde ich mal paddeln. Da unsere für etwa 4 Wochen geplante Dienstreise dann insgesamt ein Jahr dauerte, hatte ich in dieser Zeit an mehreren Stellen Begegnungen mit der Weichsel. Ausgesprochen wird der Flussname übrigens "Wiswa", denn das ł mit dem Querstrich wird immer wie ein W gesprochen.

Die Wisła ist mit einer Länge von 1.048 Km der längste Fluss in Polen. Für europäische Verhältnisse ist sie weitgehend unreguliert und naturbelassen. Was das bedeutet, kann man wirklich erst auf so einer Kajaktour erfahren. Das Inselgewimmel der mittleren Weichsel ist der Traum eines jeden Wildcampers.

Hilfreich ist natürlich auch ein Blick auf Google maps. Es gleicht schon einem kleinen Abenteuer, den hunderten von Inseln und Sandbänken auszuweichen und die ideale Fahrlinie zu finden. 

Im Jahr 2012 unternahm ich meine erste Fahrt auf der Weichsel; und zwar auf dem Mittellauf von Sandomierz nach Warszawa - eine Strecke von 237 km.

Dieses Mal sollte es nun von Warschau bis zur Mündung in die Ostsee, also nach Danzig Gdansk, gehen. Bei Flusskilometer 942 km mündet das Weichseldelta in die Ostsee. Start in Warschau bei 506 km ergibt also ungefähr eine Gesamtstrecke von 436 km. In zähen Verhandlungen ist es mir gelungen, drei Wochen für dieses Unternehmen frei zu bekommen. Danke dafür. Also los geht`s und nach 19 Tagesetappen wusste ich dann: Es war die bisher anstrengendste, aber auch eine der schönsten Wanderfahrten meines Lebens.

 

Die Anreise nach Warschau

Nachdem der 20 Jahre alte Skoda Oktavia mit Boot, Zelt und allem, was man so für eine Expedition benötigt, beladen war, ging es so gegen acht Uhr mit vielen Hinweisen von meiner Liebsten auf die Autobahn 4 nach Osten in Richtung Dresden Görlitz nach Polen und gegen 17 Uhr sah ich die Skyline von Warszawa vor mir. 

Im südöstlich gelegenen Ortsteil Wald kannte ich noch einen kleinen Sportboot Hafen der PTTK Organisation. PTTK ist die Abkürzung für die Polnische Gesellschaft für Tourismus und Heimatkunde und die hat beispielsweise an den Masurischen Seen viele Stützpunkte und Zeltplätze, speziell für Kanuten.

Die Formalitäten waren schnell erledigt, das Namiot Zelt und der RZ 85 Zweier Kajak schnell aufgebaut. Kurz zum kleinen Hafen runter und die Wisła begrüßt. Deutlich war zu bemerken: Der Pegelstand ist sehr niedrig. Naja, mein Tiefgang ist ja nur so etwa 10 cm. Mich überfielen, wie so oft abends am Wasser, die Mücken. Schnell ins Zelt und alle Schotten dicht. Eine richtig ruhige Nacht wurde es natürlich an der Peripherie von Warszawa nicht, da hinter dem Deich eine Schnellstraße entlangführt. Negativ sind mir nachts die vielen Polizei- und Krankenwagen aufgefallen, die natürlich alle schon mit den amerikanischen Signalsirenen ausgestattet sind. Ich kam mir vor wie bei Miami Vice.

Auf der Wisła Weichsel

Nach der ersten Nacht im Zelt wurde ich pünktlich gegen 6 Uhr durch die einsetzende Zeltheizung geweckt. Also erste Regel: Augen auf bei der Zeltplatzwahl oder man will sehr früh seine Etappe beginnen. Nach einem ausgiebigen Frühstück und einer vorläufig letzten Benutzung eines WC`s brachte ich das Boot auf der Slipanlage ins ruhige Hafenwasser. Nun also wieder das Stauen. Wie immer waren die wasserdichten Packsäcke (waterproof stuff bag`s) zu voll und zu dick. Vielleicht sollte ich in Zukunft disziplinierter bei der Menge meines Reisegepäcks sein. Zum Schluss mussten zwei Säcke auf dem Deck an der Reise teilnehmen. Mit ein paar kräftigen Paddelschlägen verließ ich den kleinen Hafen und die starke Strömung des breiten Stromes nahm mich mit Richtung Ostsee.

Nun dachte ich mir so: Kamera raus und gemütlich mehrere Kilometer an der polnischen Metropole vorbeifahren und Fotos machen. Doch, denkste! Bereits nach der zweiten Brücke sah das vor mir liegende Wasser ziemlich unruhig aus und trotz des Großstadtlärms war ein Rauschen ziemlich deutlich zu hören. Zum Glück ohne Grundberührung ging es mit ziemlich großer Geschwindigkeit durch diese Sohlschwelle (oder war es doch eine ganz schöne Stromschnelle?). Diese Art von Stromschnellen setzten sich in unterschiedlichen

Abständen bis 50 km vor der Mündung fort. Irgendwann wurde es ruhiger auf dem Fluss. Die Häuser wurden weniger und ich war auf einmal ganz allein in der Wildnis im Auenwald.

 

Am Nachmittag kam dann ganz schön Wind auf und der kam direkt aus Nordwest. Nach ungefähr 30 gepaddelten Kilometern schaute ich nach einer kleinen Insel aus, um mein Nachtlager aufzuschlagen. Das gelang relativ schnell in Sichtweit der kleinen Stadt Novy Dwor. Leider merkte ich erst im Laufe des Abends, dass in Nowy Dwor ein Flugplatz ist. Die deutlich als Ryanair auszumachenden Maschinen machten natürlich am Vorstart und beim Steigflug einen tüchtigen Lärm. Die Nacht war kurz.

Schnell wurde gefrühstückt, das Lager abgebrochen und das Boot gepackt. Diesmal musste nur noch ein Packsack auf dem Deck Platz nehmen. Die Hauptfahrtrichtung war heute nach West und der aufkommende Wind drehte leicht von NW auf W. Das Paddel fest ergriffen, nahm ich die nächste Etappe in Angriff. Im Durchschnitt ist der Fluss hier so etwa 200-400 m breit. Ich versuchte also, ein wenig dem Wind auszuweichen und mehr links oder rechts am Ufer zu fahren. Das war aber auch nicht so toll, denn die Strömung ist da viel geringer. Außerdem sitzen da auch gefühlte, tausende von Anglern, die ihre Wurfgeschosse von Ködern am liebsten bis zur Flussmitte werfen wollen. Ebenso beschloss ich, das Boot am nächsten Tag anders zu beladen. Ich brauche am Bug mehr Tiefgang, um bei einer Paddelunterbrechung nicht sofort um 180 Grad gedreht zu werden, denn der Wind sollte sich in den nächsten Tagen nicht verringern.

 

Nach einem weiteren, anstrengenden Tag mit ständigem Gegenwind in unterschiedlichen Stärken war meine Insel, auf der ich die nächste Nacht verbringen würde, schnell gefunden. Nach der Errichtung meiner Villa und Einrichtung derselben fiel mir sofort auf, dass Brennholz zum Kochen in sehr ausreichender Form förmlich bereit lag. Da es außer an zwei Tagen sonst überhaupt nicht regnete, war das Feuer ganz schnell bereit zum Kochen. Es gab Zucchini aus dem eigenen Garten mit Kartoffeln, Zwiebeln und Knoblauch. Auch etwas Speck und Schinken zur Kräfte-Regenerierung durften natürlich nicht fehlen. Nach dieser gutschmeckenden und stärkenden Mahlzeit gab es immer noch genügend Holz, um einen Tee zu kochen und mit heißem Wasser abwaschen zu können. Koch- und Lagerfeuer machen zu dürfen, ist übrigens ein Privileg, welches in unserem Nachbarland offensichtlich überall in der Natur geduldet wird; ebenso wie das freie Zelten.

 

Auf dem Fluss fiel mir plötzlich ein Ast mit Zweigen und Blättern auf, der sich schneller als die Strömung im Wasser bewegte und meiner Insel zustrebte. Er schwamm ans Ufer und der dazu gehörende Biber machte sich genüsslich über die Blätter und die Rinde her. Trotz einsetzender Dämmerung nahm ich meine Kamera mit dem Teleobjektiv und ging auf die Fotopirsch. Ich näherte mich etappenweise vorsichtig dem Biber und erst als ich 10m vor ihm war, ging er ins Wasser zurück und tauchte mit einem kräftigen Klatsch unter. Nach einer Weile taucht er natürlich etwas entfernt wieder auf und schwamm schnurstracks genau wieder zu der Stelle zurück, um seine Mahlzeit fortzusetzen. Er erzeugt zwar eine riesige Menge an Totholz, aber selbst kleinste Zweigstücke treiben auf Sand wieder aus und sorgen für eine schnelle Renaturierung.

Diese abendlichen Biber-Besuche fanden dann an jedem Abend auf der gesamten Strecke statt. Und das alles ohne Reservate und Naturschutzgebiete mit Uferbetretungsverbot. Was für ein schreckliches Wort für Wassersportler und Naturliebhaber. 

Am nächsten Morgen die übliche Zeremonie: In aller Ruhe frühstücken, das Lager abbrechen und stauen. Nach einigen Kilometern Fahrt tauchte am Horizont die Rauchfahne der größten Raffinerie des Landes auf, die dicke Rauchfahne sah sehr schweflig aus; zeigte mir jedoch Windrichtung und Stärke an. Die erste größere Stadt Płock war erreicht. Die Strömungsgeschwindigkeit nahm immer mehr ab und die Wisła wurde immer breiter. Ich hatte den 50 km langen und bis zu 2 km breiten Stausee erreicht. Die Nachtlager-Suche war nun etwas schwieriger, denn es gibt keine Inseln mehr wie bisher. Nach längerer Suche dann doch wieder ein kleiner Sandstrand; wie geschaffen für mich und auf der Ostseite mit morgendlicher Beschattung. Also mal schön ausschlafen am nächsten Morgen. Am Abend tobte noch ein Gewitter mit viel Regen, aber ich lag entspannt und trocken im Zelt und las das Buch „Reise zu den Polen“ von Steffen Möller.


Kommentare: 2
  • #2

    Sandi (Donnerstag, 20 Februar 2020 15:29)

    Da kann ich mich Reiner L. nur anschließen.
    ...und die phantastischen Fotos !!!
    Ich freue mich auf mehr.

  • #1

    Reiner L. (Dienstag, 18 Februar 2020 13:14)

    Hallo Martin,
    das war interessant und gut zu lesen, ich freu mich schon auf die Fortsetzung.
    Mit sportlichem Gruß
    Reiner L.