Mini-TID privat – zwei Akener auf der Donau

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von Mathias Döbbert

Die TID ist die Internationale (geführte) Donautour, die eigentlich jährlich von Ingolstadt bis ans Schwarze Meer führt, aus Corona-Gründen aber schon zweimal abgesagt wurde. Das wollten wir, zwei Akener Kanuten – ein Weggezogener und ein Zugezogener – Martin aus Weimar und Mathias, nicht länger hinnehmen und verabredeten uns zu einer Mini-TID ganz privat. 

Die Herausforderung: Zweihundertvierzig Kilometer auf dem deutschen Abschnitt der Donau von Ingolstadt bis Passau-Erlau mitten durch Bayern. Ausgestattet mit Faltboot, Gepäck und einem Freifahrtschein von daheim für eine Woche Abenteuer düsen wir los.

Vom Hermsdorfer Kreuz aus fahren wir gemeinsam bei schönstem Wetter nach Erlau. Schnell finden wir einen geeigneten Parkplatz am Zielort und nach kurzem Umpacken geht es weiter zum Startpunkt. Bei den Faltbootfreunden in Ingolstadt treffen wir auf Gleichgesinnte. Auch Richard, ein athletischer Mitfünfziger aus Bayern, plant, sich an der deutschen Etappe zu versuchen. Der frisch gebackene Frührentner Rico aus Bonn hingegen ist fest entschlossen, bis zum Schwarzen Meer durchzuhalten. Vorsorglich hat er sein Kajak „Black Sea“ getauft. Martin und ich richten uns auf die erste Übernachtung ein. Mit Richard und Rico wird auf gutes Gelingen mit einem kühlen Radler angestoßen.

 

Der nächste Morgen bricht zeitig an - ob aus Ungeduld oder einfach wegen des Lärms der nah gelegenen Autobahn, ist schwer einzuschätzen. Die Ausrüstung wird verstaut und die Boote werden endlich zu Wasser gelassen. Unsere bunte Gemeinschaft genießt noch die Ruhe des Sonntagmorgens, während wir schon nach 11 Kilometern auf das erste Hindernis stoßen: Die Kleinbootschleuse Vohburg. Ein paar nette Spaziergänger betätigen sich als Schleuser und so müssen wir nicht einmal aussteigen, um die gefühlten 8 Meter „Hubtiefe“ zu überwinden. Die Sonne klettert derweil immer höher und die Temperatur ebenfalls. Das Bombenwetter lockt Scharen von Ausflüglern auf und an die Donau. Die Biergärten sind prall gefüllt. Schlauchboot-Gruppenfahrt scheint hier ein beliebter Freizeitsport zu sein. Motorbootfahrer erfreuen sich an der Geschwindigkeit und den prima hohen Wellen, die sie verursachen. Wanderpaddler sind eher selten. Kajaks und Canadier dienen den Einheimischen vor allem zum Erreichen von Bade- und Picknickplätzen entlang der Donau. 

Am Nachmittag wandelt sich die Landschaft und wir erreichen den Donaudurchbruch, eine Flussenge am Weltenburger Kloster, wo sich das Wasser durch Kalkstein einen Weg gebahnt hat. Bis zu 80 Meter hohe Felswände erheben sich zu beiden Seiten und man zieht unweigerlich Parallelen zum sächsischen Elbsandsteingebirge. Die Strömung spült uns förmlich durch dieses Nadelöhr des 5,5 Kilometer langen und 400 Meter breiten Naturschutzgebietes. 


Die Stadt Kehlheim kommt in Sicht und mit ihr die markante Befreiungshalle, ein Auftragswerk von Ludwig dem Ersten von Bayern zur Erinnerung an die Siege in den Befreiungskriegen gegen Napoleon. Das Denkmal steht mitten auf dem Michelsberg und hat eine Höhe von 45 Metern. Es ist also schwer zu übersehen. Hinter Kehlheim suchen wir nach einem Rastplatz. Ein Kiesbett lädt zum Anlanden ein und ein Donaubad ist das Mindeste, was wir tun können, um Abkühlung zu finden. Hier schlagen wir auch unser Lager auf. Fröhlich köcheln die Fertigsuppen auf unseren Gaskochern.


Das Wetter bleibt beharrlich schön, nur der Trubel des Wochenendes ist abgeklungen. Trotzdem sind wir auf der Donau nicht allein. Die Berufsschifffahrt ist allgegenwärtig. Ganz im Gegensatz zur heimischen Elbe passieren die Frachtkähne die Donau im Stundentakt. Die malerischen Kalksteinfelsen weichen allmählich dem Einheitsgrün der Auenwälder. Zu Mittag kehren wir in einen Biergarten ein, genau an der Grenze zwischen Niederbayern und Oberpfalz. Der Zugang zur Freiluft-Gastronomie ist nur mit Maske gestattet. Hat man die Eingangslinie überschritten, darf sich dieser wieder entledigt werden. Die Speisekarte enthält lokale Spezialitäten, die ebenso gut in chinesischer Sprache hätten geschrieben sein können. Ich verstehe nur Bahnhof und bestelle vorsichtigerweise einen Salatteller. Da weiß man, was einen erwartet.

Die Kleinbootschleuse bei Abbach funktioniert wieder in Selbstbedienung und ich betätige mich als Schleusenmeister. Am zeitigen Nachmittag erreichen wir den Regensburger Ruderverein und dürfen hier Zelten. Bescheiden suchen wir uns ein Plätzchen ganz am Rande des Geländes, denn hier herrscht unheimlich viel Betrieb. Mehrere Jugendgruppen werden gleichzeitig trainiert und vom Ufer aus lautstark kommandiert. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Unzählige Ruderboote, die ziemlich olympiatauglich aussehen, werden hin und her getragen und mehrfach gereinigt. Das moderne Bootshaus der Ruderer und die Aktivitäten drum herum lassen auf ein Leistungszentrum schließen. Auch sonst wird wegen oder trotz des warmen Wetters in Regensburg Sport getrieben. Rudern, Radfahren, Joggen, Schwimmen, Fußballspielen und Leichtathletik sind die zu beobachtenden Betätigungsarten an diesem schweißtreibenden Montag.

 

Wir entrichten unsere Zeltgebühr an die Vereinskasse. Einen Schlüssel für den Zugang zu Toiletten und Duschen erhalten wir nicht. So gilt es, besonders am nächsten Morgen Hineingehende oder Herauskommende Besucher abzupassen, um die Sanitäranlagen nutzen zu können. 

Zu früher Stunde verlassen wir Regensburg über eine Borstenpassrutsche bzw. eine Kleinbootschleuse. Eine Skulptur am Ufer weist darauf hin, dass hier die Donau ihren nördlichsten Punkt erreicht hat.  Rechterhand erkennt man die Türme des Münsters und vor uns liegt die aufwendig sanierte Steinerne Brücke aus dem 12. Jahrhundert, eines der Wahrzeichen der Stadt. Bei der Brückendurchfahrt besteht ein Gefälle von einem halben Meter. Die Strömung ist enorm und die Wasserwirbel dahinter sind Respekt einflößend. Ab Regensburg verlieren Martin und ich unsere Begleiter aus den Augen. Rico ist vorgeprescht, denn sein Weg ist der Weiteste. Und der Sportskanone Richard ist unser gemütliches Wandertempo offenbar nicht ambitioniert genug. Die Akener sind wieder unter sich.

 

Noch vor Mittag fahren wir ein in Walhalla – na ja, fast. Der Ruhmestempel, gefüllt mit Büsten berühmter Deutscher, steht erhaben auf dem Berg über der Donau und ist ein beliebtes Fotoobjekt.

Das wachsame Augen des Hobbyseglers Martin hat am Horizont Gewitterwolken entdeckt. Eilig suchen wir uns einen geschützten Nachtplatz am Ufer. Kaum dass wir uns eingerichtet, beginnt das Unwetter zu toben. Der Sturm rüttelt an den Zeltwänden und versucht die Heringe auszureißen. Regenschauer ergießen sich über unsere fragilen Behausungen. Die Anstrengungen von 40 Kilometer Tagesleistung auf nahezu strömungsloser, zum Stausee mutierter, Donau lassen mich jedoch in einen tiefen Schlaf sinken. Das Ausmaß des Gewitters offenbart sich uns am nächsten Tag anhand abgebrochener Äste und umgestürzter Bäume.

Mit dem Unwetter ist uns die Last der Hitze von den Schultern genommen. Angenehme 20 Grad, bedeckter Himmel und leichter Rückenwind sind ideale Bedingungen für uns Wanderpaddler zum Start in die nächste Etappe. Nur die Fotos bleiben grau in grau und müssen wohl später am PC mit Sonne angereichert werden.

 

Während wir an der Schleuse Geisling mühsam umtragen müssen, erwartet uns vor Straubing wieder eine Bootsrutsche. Letztere hat stattliche Ausmaße und darum wird die Sache auch ein Riesenspaß. Faltbootfahrer sind verständlicherweise besorgt ob der Risiken einer solchen Rutschpartie, doch die Elefantenhaut von Martins RZ85 bekommt keinen Kratzer.


Straubing bleibt versteckt hinterm Deich. Nur einzelne Türmchen schaffen den Blick hinüber. Die Wolkendecke reißt auf und immer wieder bieten sich dem Auge des Betrachters gefällige Ansichten, sei es das Kloster auf dem Berg oder das Motorschiff an Land. An der Deichbefestigung wird mit schwerem Gerät eifrig gearbeitet. Auch an der Donau gehen Hochwasser nicht schadlos vorüber.

 

Auf einer versteckten kleinen Wiese hinter der Fähre Stephansposching wird wieder gezeltet. Rastplätze sind an der Donau nicht ausgewiesen oder beschildert und daher ist man auf gute Tipps von Anwohnern angewiesen. Und siehe da! Es gibt hier sogar zwei Bänke und eine Feuerstelle. Petrus sorgt allerdings für Sicherheit und läßt es regnen. Nichts da mit Stockbrot über‘m Lagerfeuer oder Wurst am Spieß.

Der nächste Morgen beginnt mit einem heißen Kaffee. Das ist auch nötig, denn es ist frisch und der bedeckte Himmel verspricht keine Sentimentalitäten. Das Waschen in der Donau hingegen ist angenehm, ist doch die Wassertemperatur gefühlt viel höher als die der Luft.

Unterwegs nach Deggendorf, welches die Außmaße einer mittleren Industriestadt hat, überrascht uns ein Wolkenbruch. Er endet jedoch so schnell, wie er begann. Zurück bleiben zwei nasse Pudel. In Deggendorf erregt eine Brücke unsere Aufmerksamkeit. Der Brückenaufbau scheint verkehrt herum zu stehen – mit der Spitze nach unten. Eigenartigerweise trotz die Konstruktion der Schwerkraft und fällt nicht um. Hätte der Eiffelturm auch andersherum gebaut werden können?

 

Erst hinter Vilshofen und 50 Kilometer in den Knochen finden wir auf Rat eines freundlichen Eingeborenen ein Stelle zum Wildcampen. Das Schild „Achtung Betriebsgelände, Betreten verboten“ entdecken wir erst, als die Zelte bereits errichtet sind. Wir sitzen es aus.

Die letzte Etappe hat begonnen. Wir nähern uns Passau. Das vorgelagerte Industriegebiet ist wenig beeindruckend. Eine Schleuse gilt es noch zu überwinden – Kachlet. Es beginnt zu nieseln. Der Schleusenmeister am anderen Ende der Wechselsprechanlage hat Erbarmen mit uns morgendlichen Kleinbootfahrern. Die Schleuse ist eigentlich für „große Pötte“ vorgesehen und entsprechend verloren kommen wir uns in dem riesigen Becken vor. Die Schleusung erfolgt sehr, sehr langsam, etwa 500 ml pro Minute werden abgelassen. Als sich die Tore endlich öffnen, bin ich klitschnass. 


Die Durchfahrt durch die Stadt Passau gestaltet sich wegen des miesen Wetters wenig spektakulär. Lustlos reihen sich schicke Fluss-Kreuzfahrtschiffe an den Kaimauern. Nur wenige Gäste sitzen hinter verdunkelten Glasscheiben. Über die Schulter werfe ich noch einen Blick auf die Isar, die sich hier in die Donau ergießt. Jetzt bin ich vollends durchgefroren und es gibt nur einen Weg, einer drohenden Erkältung zuvorzukommen, nämlich mittels Hochgeschwindigkeitspaddeln. 

Ich lasse das Paddel kreisen und wende alle Zugkraft auf, die ich aufbringen kann. Mein sonst so geräuschlos gleitendes Kajak schiebt nun eine Bugwelle vor sich her. Nach 2 Kilometern spüre ich die Muskeln überschüssige Wärme an den Körper abgeben und nach weiteren 5 Kilometern habe ich das Endziel, den Sportplatz Erlau, ordentlich schwitzend aber nicht erfroren, erreicht. Zwanzig Minuten später trifft auch Martin ein, sichtlich zufrieden, es geschafft zu haben. Pünktlich zum Etappenende hört der Regen auf. Das Wetter in der vergangenen Woche war wechselhaft und die Reise abwechslungsreich. Eine Fortsetzung der Tour Richtung Donaudelta in den nächsten Jahren wird nicht ausgeschlossen. Wer sich anschließen möchte, abseits verbindlicher Fahrtenrouten und Reglements, ist herzlich willkommen.



Kommentare: 2
  • #2

    Martin, der weggezogene Akener (Montag, 26 Juli 2021 07:58)

    Mal wieder eine schöne Fahrt mit Gleichgesinnten, zwanglos und locker. Echt bemerkenswert die Fahrt durch die Weltenburger Enge und ab Regensburg linksseitig der ständige Ausblick auf die Höhenzüge
    des Bayerischen Waldes.
    Der Zusammenfluß der Iltz und des Inn`s in die Donau bei Passau waren natürlich auch spektakulär, und ich ließ es mir nicht entgehen, auf den letzten Kilometern, die hellgrünen Fluten des Inn unter
    meinen Kiel zu nehmen.
    Danke für den, auch in meinem Sinn, schön beschriebenen Paddelausflug nach Bayern an Mathias.

  • #1

    Karl-Heinz Schulze (Sonntag, 25 Juli 2021 18:22)

    Hallo Ihr zwei Abenteurer!
    Es macht immer wieder Freude, die Reiseberichte zu lesen. Eure Abenteuerlust, sportliche Aktivität und Ausdauer sind zu bewundern.
    Einige Strecken der Donau sind uns auch bekannt, aber wir waren komfortabler unterwegs, entweder mit Motorschiff oder mit Bus und somit hatten wir nur eine Sicht auf die Donau.
    Viele Grüße
    Karl-Heinz und Birgit