· 

Christmas H(a)i

von Mathias Döbbert.

Australien ist bekanntlich das Land mit der tödlichsten Fauna der Welt. Da gibt es 50 giftige Land- und Seeschlangen, 22 todbringende Spinnenarten, 7 Quallenarten, denen man besser aus dem Weg geht oder schwimmt, unangenehme Blauringkrake, etliche giftige Insekten- und Fischarten, Krokodile und natürlich Haie. Beleg der Gegenwart letzterer ist das Haifischfilet an der Frischfischtheke der Supermärkte.

Nicht umsonst lautet der Refrain eines Songs der populären australischen Band "Scared Weird Little Guys" mit feinstem Sarkasmus wie folgt: "Kommen Sie nach Australien, hier können Sie sich versehentlich umbringen lassen  ...  Come to Australia, you might get accidently killed ...".

Das alles kann jedoch einen Kanuten von der Elbe nicht davon abhalten, sein neues Sea-Kayak zu besteigen und in See zu stechen. Die See vor Melbourne kann man getrost schon als Meer bezeichnen, denn jedes Gewässer, dessen gegenüberliegendes Ufer am Horizont nicht mehr auszumachen ist, hat diese Bezeichnung verdient.

Heute ist ein besonderer Tag. Es ist Christmas, wie die Aussi's Weihnachten bezeichnen.

Dem Anlass entsprechend habe ich ruhige See, glasklares Wasser und schon am Morgen dieses 25. Dezember ca. 25 Grad Lufttemperatur. Mit ein paar kräftigen Paddelschlägen lasse ich den Strand von Middle Brighton hinter mir und fahre die Küste entlang nach Süden Richtung Black Rock. Ich gewinne schnell Abstand zum Ufer und steuere an Sandringham vorbei auf mein heutiges Ziel zu. Möven und Kormorane sind meine anfänglichen Begleiter und vermitteln ein heimatliches Gefühl.

 

Nach zwei Stunden entspannten Paddelns bemerke ich aus dem Augenwinkel steuerbords einen schwarzen Schatten an der Wasseroberfläche, der sogleich wieder verschwand. Ich denke, es wird ein Kormoran gewesen sein, der sich auf Tauchgang begeben hat. Keine zwei Minuten später taucht wieder etwas Schwarzes auf der Oberfläche auf und der Schreck fährt mir in die Glieder. Ganz deutlich erkenne ich eine Rückenflosse, die sich mir nähert und dann wieder untertaucht. In meinem Kopfkino spielen sich urplötzlich Szenen eines allseits bekannten Spielberg-Horror-Schockers ab. Da! Auf Backbord erscheinen wie aus dem Nichts zwei weitere Rückenflossen. Der Kreis zieht sich zu. Die Bestien haben mich umzingelt. Mir wird schlagartig klar, es gibt kein Entkommen. Denn so schnell ich das Paddel auch eintauche, der Weg zum rettenden Strand ist genauso in weiter Ferne wie der vor mir liegende Hafen. So ein ausgewachsener Weisser Hai soll ja ein Kayak in der Mitte durchbeißen können. Immer wieder zeigen sich die Anzeichen der bevorstehenden Katastrophe. Die Tiere scheinen auf den Appetit gekommen und ich bin der Weihnachts-Brunch. Eigentlich hätten die badenden und sich am Ufer erholenden Australier die Dramatik der Situation bereits erkennen müssen, schießt es mir durch den Kopf. Aber ich sehe weder schreiend den Strand verlassende Menschen noch zur Rettung herbeieilende Boote.

Anscheinend sind die mit den immensen Gefahren der Natur aufgewachsenen Einheimischen ziemlich gelassen und cool im Umgang mit derartigen Situationen. Trotz mittlerweile erreichter Höchstgeschwindigkeit meines Kayaks tauchen immer öfter die schwarzen Flossen auf, angekündigt durch einen Ton, der wie das Ausstoßen von Atemluft aus einem Schnorchel klingt. 

Atemluft? Lungen?!!  Mein biologisch geschulter Verstand setzt blitzartig wieder ein. Haie atmen doch durch Kiemen! Die angeblichen Monster sind - einfach nur Delphine, die friedlich und unschuldig in der Bucht ihre morgentlichen Bahnen ziehen. Erleichtert und beruhigt erreiche ich den Yachthafen von Black Rock. Auf der Rückfahrt bekomme ich keine Delphine mehr zu Gesicht. Vermutlich sind sie beleidigt, als blutrünstige Monster identifiziert worden zu sein.

Als Erkenntnis des Tages bleibt also zu bemerken: Die Australier sind erstens weniger cool als angenommen und zweitens spielen sich die Gefahren des Lebens oftmals nur in unserer Fantasie ab.

*Auslandskorrespondent: Mathias Döbbert*


Kommentar schreiben

Kommentare: 3
  • #1

    Thomas Berger (Montag, 26 Dezember 2016 18:09)

    Ein wenig neidisch habe ich deinen Bericht gelesen. Herrlich. Vor allem die 25' Celsius stelle ich mir gerade lebhaft vor. Nichts desto trotz wünsche ich euch eine schöne, erlebnisreiche Zeit in Australien!
    Mit besten Grüßen vom anderen Ende der Welt. Thomas

  • #2

    Renate Döbbert (Donnerstag, 29 Dezember 2016 08:19)

    ...Ein Glück, dass es nur Delphine waren...

  • #3

    Jana aus Melbourne / Australien (Samstag, 14 Januar 2017 11:57)

    Am 08. Januar war ein Hai in Elwood!!
    Da war der Weihnachts-H(a)i doch gar nicht so weit hergeholt:)
    (s. hier: http://www.9news.com.au/national/2017/01/08/13/06/shark-sightings-closes-three-melbourne-beaches).