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Die Mütze und der Adler

von Mathias Döbbert

Ich liebe meine Mütze. Eigentlich ist es eine Baseballkappe, aber wer weiß schon so genau, was Baseball ist.

Sie wurde ausgegeben von meinem Arbeitgeber. Sein Schriftzug leuchtet in Orange. Der Schirm ist weit nach vorne gezogen und leicht gekrümmt. Deshalb schattet er die Sonne prima ab. Der Stoff ist derb und unverwüstlich. Er schütz bei jedem Wetter. Die Mütze sitzt ideal auf meinem Kopf, als wäre sie eigens für ihn geschneidert.

Eine Schnalle hinten mit geprägtem Schnellverschluss gestattet leicht und bequem die Anpassung an die Kopfgröße. Die habe ich seit Jahren nicht mehr verstellt. Ab einem gewissen Alter jedoch wird der Kopfumfang nur noch durch die Fülle oder das Defizit an Haarpracht bestimmt.


Die Kappe ist der perfekte Reisebegleiter. Sie ist leicht. Man kann sie zusammenfalten und sieht zu alledem noch gut damit aus. Das satte Rasen-Grün des Stoffes ist mittlerweile verblichen zu einem stumpfen Khaki-Grün. Aber das macht mir nichts aus. Das Logo der Mütze ist nicht mehr up-to-date (nicht mehr aktuell) und neue Symbole und satte Farbe zieren ihre jüngeren Nachfolger. Doch ist es nicht wie mit anderen Lieblingsstücken auch? Die bequeme Lederjacke z.B. Zuerst war das neue Stück nur für‘s Ausgehen da, dann wurde sie zum Kleidungsstück für jeden Tag, danach zur Freizeitbekleidung und letztlich endete die Metamorphose mit der Phase der Gartenjacke. Aber wegwerfen? Niemals!

Das geht mir mit meiner Mütze genauso. Aus Marketing-Gründen auf Arbeit nicht mehr erwünscht, ist sie heutzutage ein unschätzbarer Begleiter auf meinen Kanutouren in der Freizeit. Wie schon gesagt: Ich liebe sie.

Doch auch jemand anderes schien ein Auge auf meine Kopfbedeckung geworfen zu haben; ein Adlerauge sozusagen. Ich war mit meinem Paddelboot auf Wochenendfahrt und arbeitete mich langsam die Elbe stromaufwärts. Der Himmel war klar. Die Sonne schien mit voller Kraft und hoch oben in den zartblauen Lüften zog ein Adler stetig seine konzentrischen Kreise, in deren Epizentrum ich mich befand. Schon zehn Minuten lang umkreiste er mich und hatte offensichtlich etwas an mir entdeckt, was ihn zu interessieren schien. Das konnte allem Anschein nach nur meine Mütze sein, denn was sonst konnte er von dort oben gesichtet haben. Ob er sie als Polsterung für seinen Horst brauchte oder als Spielzeug für seine Jungen war mir nicht ganz klar. Klar war jedoch eins: Ich würde sie nicht freiwillig hergeben.

Ich zog den Schirm etwas tiefer in die Stirn, den Adler dabei nicht aus den Augen lassend. Der Vogel flog eine Spirale nach unten, dann plötzlich einen weiten Bogen und hielt nun geradewegs auf mich zu. Er hatte sich zum Angriff entschieden, ich zur Verteidigung. Mit ein paar gezielten Paddelschlägen brachte ich das Kajak in eine sichere Position. Ich umklammerte fest den Paddelgriff und zog den Kopf ein. Der Adler kam näher. Bereit bis zum Äußersten zu gehen, wollte ich schon meine Schlagwaffe erheben, als der Raubvogel sich zwanzig Meter vor mir in den Fluss stürzte und beim Abheben einen Fisch in den Krallen hielt. Schlagartig fiel die Spannung von mir ab und ich tastete nach meiner Kappe. Glück gehabt!

Die Mütze war dem Vogel offenbar piep-egal. Jeder von uns hatte bekommen bzw. behalten, was er wollte: Ich die Mütze, der Adler seine Beute. Nur der Fisch sah etwas unglücklich aus.


Kommentare: 4
  • #4

    Jana D (Mittwoch, 26 Dezember 2018 01:57)

    Bis zur letzten Zeile spannend. Und die Mütze ist auch noch da für die nächste Kurzgeschichte.

  • #3

    Karin Lehr (Mittwoch, 19 Dezember 2018 18:40)

    Na.....das passiert auch nicht alle Tage, dass einem der Adler fast die Mütze vom Kopf reisst.
    Aber der Fisch als Beute war wohl für beide Seiten die bessere Entscheidung....!!
    Tolle Geschichte, wunderbar beschrieben... Danke Mathias

  • #2

    Karl-Heinz (Dienstag, 18 Dezember 2018 15:28)

    Wann wird dieser Beitrag verfilmt. Harry und ich , würden diesen Film gern sehen .
    Filmtitel: Der mit dem Ader kämpft.

  • #1

    Harry Schwenzel (Montag, 17 Dezember 2018 17:15)

    Sehr guter Beitrag! Warum schreibst Du kein Buch? - Ich würde es kaufen!