Grüppchenweise Himmelfahrt

von Mathias Döbbert

Auf Himmelfahrt freue ich mich jedes Jahr besonders. Die Vereinsausfahrt von Roßlau nach Aken mit einem Imbiss-Stopp in Brambach verspricht immer ausgelassene Fröhlichkeit, Spaß und Bewegung auf dem Wasser und an Land entlang der Elbe. Die Senioren lassen gewöhnlich erstmals den Mannschaftsrenner "Stadt Aken" zu Wasser nach einem halben Jahr Winterpause und auch ich nutze an diesem Tag gewöhnlich den närrischen Freiraum, um mich in Trappermanier im Indianerkanu "Maja" mit der Strömung treiben zu lassen. Alles ist wohlorganisiert und jeder weiß Bescheid.

Nicht so in diesem Jahr. Die Corona-Pandemie und die damit einhergehenden Beschränkungen hatte alles verändert. Selbst zu Himmelfahrt schleunigst in Kraft gesetzte Lockerungsverfügungen konnten Bedenken,  Sorgen und Ängste nicht einfach so wegwischen. Um so mehr vermisste ich vom Vorstand klare Ansagen und Konzepte, ob und wie unter den gegebenen Umständen Himmelfahrt trotzdem zu einem freudigen Erlebnis werden könnte. Der sonst üppig sprudelnde WhatsApp-Kanal schien zu diesem Thema wie ausgetrocknet.

 

Aus dem Buschfunk erfuhr ich zufällig, dass es anscheinend im Vorfeld grüppchenweise Arrangements gegeben haben sollte. Einige Sportfreunde wollte sich wie gewohnt von Roßlau flussabwärts bewegen. Ein Team gestandener Kanuten plante den Trip von Aken nach Breitenhagen einschließlich der notwendigen Logistik. Von all diesen Absprachen nichts ahnend, beschloss ich, den beliebten Ausflug als Solo-Tour zu unternehmen. Der Transportaufwand hielt sich in Grenzen, da ich vom Akener Bootshaus aus nach Dessau paddeln wollte und von dort aus wieder auf gleichem Wege zurück.

Bei schönstem Sonnenschein und völliger Flaute, sattelte ich mein Kajak und glitt in der Früh um 8 Uhr in die Unberührtheit des Morgens. Verhungern und verdursten würde ich nicht. Der Rucksack war prall gefüllt mit vitaminreicher, fettreicher, zuckerreicher und promillereicher Verpflegung. Die ersten Kilometer Fahrt unterschieden sich noch wenig von den üblichen Wochenendausflügen. Stille und friedliches Plätschern wurden nur vom beharrlichen Rufen liebestoller Kuckucks und dem hastigen Start schüchterner Kormorane durchbrochen.

 

Auffällig jedoch war die stetig ansteigende Anzahl von Anglern an den Buhnen. Fangleinen in alle Richtungen und über mehrere Buhnenfelder hinweg gespannt, geboten zu äußerster Vorsicht, wollte man nicht verschürt als kapitaler Hecht in einem der überdimensionierten Kescher landen. Dem heutigen Anlaß entsprechend war die Stimmung unter den Petrijüngern jedoch gelassen und auf fröhliche Zurufe erntete man freundliche Antworten.

An der Ausflugsgaststätte Brambach herrschte eisiges Schweigen. Hier, wo in den Vorjahren laute Musik aus Lausprecherboxen weithin Stimmung verbreitete und selbst am gegenüberliegenden Ufer einem noch der Duft frisch gegrillter Bratwürste in die Nase stieg, regte sich keine Menschenseele.

 

Trotz Niedrigwasser und versandeter Buhnenfelder, die weiträumig umfahren werden mussten, kam ich zügig voran. Einzelne Kanuten in 2er und 3er Gruppen kamen mir  jetzt häufiger entgegen und auch der parallel verlaufende Elberadweg füllte sich zusehends mit Bikern und Spaziergängern. Immer mehr von ihnen nahmen die von den Anglern noch nicht beanspruchten Sandstreifen in Beschlag und gönnten sich eine Verschnaufpause. Ganze Familienclans vom Großvater bis zum Pinscher nutzten das herrliche Wetter zum Freiluftvergnügen. 

 

Ich zog das Paddel weiter in stoischer Konstanz ein ums andere Mal durch die Fluten und näherte mich der Einfahrt zur Roßlauer Werft, als ich bekannte Gesichter auf mich zugleiten sah. Rudi und Jürgen näherten sich zum Schwatz und eine Weile glitt ich mit ihnen von der Strömung gezogen zurück Richtung Aken. Jetzt nun erfuhr ich Genaueres über die Vereinskollegen, welche sich die Tour ab Roßlau organisiert hatten.  Ich erwartete sie hinter jeder weiteren Biegung , doch erst in Sichtweite vom Kornhaus entdeckte ich die lustige Truppe, die augenscheinlich nicht weniger Spaß an Himmelfahrt hatte, als ich selbst. Mein gestecktes Ziel vor Augen setzte ich die Reise fort und passierte eine lautstarke und teilweise reichlich angeheiterte Menschenmenge unterhalb der bekannten Raststätte. Offenbar hatte es sich herumgesprochen, daß am Kiosk Ausschank zu erwarten sei.

Die belagerten Wiesen und das bunte Treiben ließen ein wenig vergessen, dass eigentlich noch immer ein gewisser Abstand gewahrt werden sollte und nostalgische Erinnerung an frühere Unbekümmertheit stellte sich ein. Nun war ich fast angekommen. Noch ein paar hundert Meter weiter landete ich am Behelfssteg der Junkers-Paddler an und traf auf Reiner, der gerade im Begriff war, sein Gummiboot aufzubauen. Seine Anstrengungen mit der Luftpumpe mussten ihn Unmengen an Kalorien gekostet haben, waren meine mitfühlenden Gedanken als mir urplötzlich bewusst wurde, dass ich selbst dringend Nachschub davon gebrauchen könnte. Die Mittagssonne hatte ihren Zenit erreicht und heizte mir ein. Da kam mir ein Plätzchen im Schatten gerade recht und so stürzte ich mich auf belegte Brote, Gemüse und Kuchen und spülte das Ganze mit Budweiser hinunter.

 

In Begleitung zweier Wasserwanderer aus Berlin und des Kanadier-Piloten Reiner startete ich Phase Zwei der Festtagsausflugs. Mit sehr wenig Paddelschlägen und sehr viel Konversation untereinander, mit Buhnenbesetzern und gleichgesinnten Elbegleitern, verankerten Sportbootfahrern, Ruderern vom  RCA, die aus Coswig zurückkehrten und Sonnentankern auf den Sandstränden erreichten wir nach Stunden den Heimatsteg.

 

Hier bot sich ein ungewöhnliches Schauspiel mit Dutzenden von  Anwesenden, Sportlern, Familien, Gästen, welches in schrillem Gegensatz zur verträumten Ruhe der letzten Quarantänewochen stand. Bald nach der glücklichen Ankunft am Bootshaus zog ich mich in die Schatten meines Heims zurück, um den Tag in trauter Zweisamkeit bei einer Tasse Kaffee ausklingen zu lassen. Die Sonne auf dem Wasser hatte mir zugesetzt und statt brennender Muskeln, die man nach 30 Kilometern und 45 Elbi erwarten sollte, glühte mein Gesicht. 

So sitze ich nun hier mit sonnenverbrannter Nase und wäge die Pros und Contras von Himmelfahrt ab. 

Lädiert, doch zufrieden kann ich feststellen: Die Pro sind eindeutig in der Überzahl!

*Fotos: Reiner Liebmann, Birgit Schulze und Mathias Döbbert*


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