Rügenrund - Reichlich Wasser unter'm Kiel - 3

von Mathias Döbbert

Tag 5: Thiessow – Zudar

Nach der Spazierfahrt von gestern war ich ziemlich sicher, dass nun das Gröbste überwunden sein würde. Entsprechend optimistisch nähere ich mich der Anhöhe von Klein Zicker. Das Dörfchen wirkt noch ganz verschlafen; um 8 Uhr früh – wen wundert's? Danach ist offenes Wasser angesagt; zwei Kilometer lang bis Mönchgut. Noch scheint der Rügensche Bodden zu schlafen. Als ich die gelben Steilufer von Mönchgut erreiche, ist der schlafende Riese jedoch erwacht. Von West frischt der Wind auf und hustet so manche scharfe Böe ab. Der Wellentanz beginnt. Mitten in der Fahrt reißt mir ein Windstoß die Wasserkarte vom Spitzdeck und befördert sie in die Fluten. Glücklicherweise sind die Seiten laminiert und schwimmfähig. Unter den erstaunten Blicken der ufernahen Wanderer drehe ich mehrere Pirouetten und fische mir die flüchtigen Folien aus dem Wasser. Auch wenn sie „Wasserkarten“ heißen, habe ich sie doch lieber im Trocknen an Bord.

Die nächsten 5 Kilometer quer über die Hagensche Wiek und die Harving werden zur Geduldsprobe. Den Westwind voll von der Seite schiebt sich „Majak“ von Wellenberg zu Wellental und nach gefühlt mehreren Stunden fahren wir in die Stresower Bucht ein. Die Insel Vilm scheint greifbar nah, doch die klare Luft täuscht. Sie ist so „nah“ wie eine Fata Morgana in der Wüste, mindestens jedoch 5 Kilometer entfernt. 

Die Freiwasserschlacht hat meine Energiereserven aufgebraucht und ich muss schleunigst für Nachschub sorgen. Im Windschatten der Insel Vilm lande ich am Strand in der Stresower Bucht an und finde sogar einen Picknick-Unterstand. Mit meinem Gasbrenner werde ich schnell zum Gourmet-Koch und nach zwanzig Minuten schon köchelt im Topf eine Instant-Suppe. In dem Bewusstsein, wieder 100g Gepäck verbraucht zu haben, löffele ich die heiße Brühe in mich rein und starte anschließend mit neuem Mut. 

Unterhalb des Rügenschen Festlandes bin ich noch einige Zeit vor dem Westwind geschützt. Ich ziehe an Vilm vorbei und bereite mich auf den Vorbeimarsch an Lauterbach vor, als von hinten ein Kanute zu mir aufschließt. Er ist in einem Seekajak unterwegs auf Tagestour. Als Senior mit ausreichend Zeit gesegnet, widmet er sich der Heimatkunde, macht Fotos der Küste und hält Vorträge bei der Volkshochschule. Wir kommen schnell ins Gespräch und fachsimpeln über Kanus und Ausrüstung, Routen und Umweltschutz. Interessiert lauscht er meinen bislang durchlebten, touristischen Erfahrungen während der Tour und gibt mir noch wertvolle Hinweise für die Weiterfahrt. Als er sich in Wreechen verabschiedet, haben wir, kaum dass ich es wahrgenommen, 5 Kilometer verklönt. Der Wind hat zum Abend hin abgenommen, doch Wolken sind zu einer dichten Decke zusammengerückt. Heute bekomme ich die Sonne nicht mehr zu sehen.

Malerisch ziehen sich die sandigen Uferstreifen ab Neukamp dahin und gehen dann in kilometerlange Schilfgürtel über. Als Letztes für heute überwinde ich die Flachwasser-Freifläche vor der Schoritzer Wiek. Das Ufer beim Campingplatz Pritzwald auf Zudar ist flach und sandig und ich kann bequem aussteigen. Ich bin nach 31 Kilometern zwar etwas wacklig auf den Beinen, aber die hiesige Tierwelt bringt mich schnell auf Trapp. Kaum bin ich an Land und habe im Kiefernwald begonnen, mein Zelt aufzubauen, werde ich von Millionen von Moskitos überfallen. 90 Prozent meiner Bewegungen dienen der Mückenabwehr, 10 Prozent dem Einrichten des Nachtlagers. Heute lasse ich mir das Abendbrot nicht von den Plagegeistern vermiesen. Ich werfe alle Sicherheitsbedenken über Bord ich koche mir im Zelt meinen Tee. Sollen die Biester durch das Gitter ruhig zuschauen!

Tag 6: Zudar – Stralsund/Devin

Heute steht die letzte Etappe auf dem Programm. Der Campingplatzverwalter erscheint pünktlich um 8.00 Uhr und knöpft mir den Übernachtungsobolus ab. Im Gegenzug möchte ich ihm die 2 Liter Spenderblut für die heimische Fauna in Rechnung stellen, aber so eine Position kann er in seinem PC-Programm nicht finden.

Hinter Teufels- und Schusterberg ist die Paddelwelt noch heil und bei leichter Brise ist Gelbes Ufer mein erstes Ziel. Diese Steiluferformation habe ich bald erreicht. Einige Bäume sind Opfer von Wind und Regen geworden. Ihr Sturz von den Klippen war vorprogrammiert. Vielleicht haben auch die Uferschwalben mit ihren Bruthöhlen bei der Erosion etwas nachgeholfen. Die steilen gelben Klippen sind beeindruckend und schon von Weitem auszumachen. Je flacher die Landzunge zwischen Greifswalder Bodden und Strelasund nun wird, desto heftiger bläst der Wind aus Süd-West. 

Die Wellen weit draußen brechen zu Schaumkronen und Windstärke jenseits von 5 scheint wahrscheinlich. Ich erreiche Palmer Ort an der Südspitze von Zudar und muß aufgeben. Wie sehr ich mich auch abmühe und das Paddel kreisen lasse, das Boot bewegt sich keinen Zentimeter voran, wird von den Wellen nur fortwährend hochgerissen und in die Tiefe gezogen. Ich stelle den Vortrieb ein und werde gleich 100-150 m vom Gegenwind zurückgedrückt. Ich klettere ans Ufer und will das Unwetter aussitzen. Als auch noch die ersten Tropfen fallen, baue geschwind das Zelt auf und bringe mich in Sicherheit. „Majak“ wartet geduldig am Ufer auf seine zweite Chance.

Nach ca. 1 Stunde rüttelt der Wind nicht mehr so heftig an den Zeltplanen und es scheint, als würde er nachlassen. „Hast dich wohl verausgabt!“, frohlocke ich. Meine Siebensachen sind schnell im Boot verstaut. Ich wage einen neuen Anlauf. Diesmal kann ich Palmer Ort bezwingen und paddele nun wieder im Strelasund. Die Flaute war jedoch von geringer Dauer. Der Süd-West hat locker 10 Kilometer Anlauf vom Greifswalder Festland bis zur Rügener Küste und schiebt jede Art von Wellen ungeniert auf mich zu.

„Neptuns Zähne“ beißen immer öfter zu und auch der „Götterzorn“ bricht viel zu oft über „Majak“ herein. Die großen Klatscher befördern Sundwasser über meinen Jackenkragen ins Bootsinnere, wo es sich am Rücken entlang bis zur Poritze seinen Weg bahnt.

 

Erstaunlicherweise schafft es kein noch so großer Seitentreffer, das Kajak zum Kentern zu bringen. Mein Faltboot hat durch seinen breiten Boden und die nach außen geschrägten Bordwände eine fantastische Kippstabilität. Außerdem ist einiges an Gepäck geladen, welches den Schwerpunkt tief unten hält. Dieser senkt sich jedoch mit jedem Schwapp, den ich kassiere, weiter ab. Die Bugspitze tauch immer häufiger in die erste Welle, statt über sie zu springen. Nach drei mühevollen Kilometern muss ich notlanden und das Boot entwässern. Bei dieser Gelegenheit wechsele ich die komplett nassen Klamotten gegen meine letzte trockene Garnitur und schlage ein Lager auf. Mein Rastplatz gleicht einem Zigeunerlager. Überall liegen und hängen Kleidung und Ausrüstung zum Trocknen. Die Zündhölzer waren trocken verpackt, so dass ich wenigstens den Kocher für eine Mahlzeit anwerfen kann. 

Alles Warten hat keinen Zweck. Der Wind, oder besser gesagt, der Sturm, will nicht nachlassen. Ich habe nicht die Absicht, an der Südküste von Zudar zu versauern, kratze alle noch zu findende Motivation zusammen und stürze mich abermals in die See. Entleert ist „Majak“ wieder springfreudiger und ich erreiche die Glewitzer Fähre.

Am Hafenbecken trifft mich das Chaos in Form von Kabbelwellen. Diese entstehen durch Reflexion an festen Flächen wie Betonwänden, Molen und Spundwänden. Jetzt sind Wellenvorhersagen nicht mehr möglich. Sie brechen von allen Seiten los und schaukeln sich gegenseitig auf. Die 100 Meter um den Fährhafen werden zu den schwersten meiner Karriere. Ich knüppele, was das Zeug hält, um nicht von der herannahenden Fähre überrollt oder ein Opfer der gierigen Fluten zu werden. Zu meinem Glück geschieht weder das Eine noch das Andere.

Doch nun muss ich schon wieder ans Ufer, um die Hektoliter Sundwasser aus dem Rumpf zu titschen. Trockene Kleidung ist passe. Jetzt lautet die Devise: Augen zu und durch. Immerhin habe ich bereits Kilometer 205 von 218 erreicht.

An eine Querung des Strelasund ist bislang nicht zu denken und das bereitet mir Kopfzerbrechen. Stralsund liegt nun mal auf der anderen Seite. Also hangele ich mich weiter am Rügenschen Ufer vor. Es müssen Stunden vergangen sein oder es wurde urplötzlich Abend, denn es geschieht ein Wunder. Der Wind läßt nach. Ich wittere meine Chance und halte auf das gegenüberliegende Festland zu. Die restliche Strecke möchte ich im Windschatten absolvieren. Kurz vor Niederhof, dem ausgewiesenen Wasserwanderrastplatz, an dem Kindheitserinnerungen hängen, wird der Sund spiegelglatt. Doch kein Licht ohne Schatten! Es setzt Nieselregen ein, der jede Hoffnung auf Trocknung zunichtemacht. Ich schleiche mit letzter Kraft um den (naturgeschützten) Deviner Haken und erreiche überglücklich den Start- und Zielsteg.

Fazit: Eine Rügenumrundung per Kajak beschert herrliche Erlebnisse, verlangt Einem aber auch allerhand ab. Man benötigt dafür ein gutes Boot, eine große Portion Humor und mindestens sieben Tage dauerhaft schönes Wetter. Doch wann gibt es die auf Rügen schon?


Kommentare: 2
  • #2

    Karl-Heinz Schulze (Sonntag, 02 August 2020 15:43)

    Gut Gemacht Robinson, wir warten schon auf deine gesammelten Werke!
    Gruß, deine Sportsfreunde Birgit und Karl-Heinz

  • #1

    Karin Lehr (Donnerstag, 23 Juli 2020 11:02)

    Ein wirkliches Lesevergnügen....einfach super !!!
    Freue mich schon auf deinen nächsten Coup.... Danke Mathias