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Sonne Satt Sommertour Tag 7

von Mathias Döbbert

Tag 7: WILDNIS (Kilometer 40) – Zehdenik

Meine private Dispatcherin und Wetterfee daheim hatte mir für heute wieder sonniges bis heiteres Wetter vorhergesagt und in der Tat kam die Sonne gegen 7 Uhr hinter den Bäumen hervor. Ich lasse ihr genug Zeit, den Morgentau vom Zelt zu lecken und bereite alles für den Abflug von meinem provisorischen Rastplatz vor. Das Ablegen vom steinigen Ufer klappt besser als erwartet. Ich biege vom Oder-Havel-Kanal auf eine Verbindung zum Vosskanal.

Nach einem winzigen Kilometer stehe ich bereits vor der ersten, der Liebenwalder Schleuse. Sie ist für die Selbstbedienung eingerichtet. Ich liebe Selbstbedienungsschleusen. Die sind so einfach zu benutzen. Schleusungshebel umlegen, Instruktionen auf der Anzeigetafel beachten, einfahren und wieder den grünen Hebel betätigen. Da meine MAJA der einzige zu schleusende Schwimmkörper ist, darf ich alle beschriebenen Operationen allein ausführen. Leider sind die Schleusenhebel und Haltestangen aufgrund seltener Nutzung unten im Kleinbootbereich ziemlich schmutzig. Ich sollte über spezielle Schleusen-Wegwerfhandschuhe nachdenken.

 


Weiter zwei Kilometer überwinde ich mühelos, noch frisch von der nächtlichen Rast und dem kalorienlastigen Frühstück, zwei weitere Kilometer bis zum Kilometer „0“ des Vosskanals. An dieser Stelle bietet sich eine prima seichte Landestelle. Ich bemerke gleich dahinter eine Bank mit Tisch und zwei aufgebaute Zelte. Hier hätte ein Kanu-Rastplatz ausgewiesen werden sollen.
Nun liegen einige gerade Kanalkilometer vor mir. In dem Bewusstsein, dass die heutige kurze Etappe sogleich auch die letzte sein wird, lege ich keine Eile an den Tag. Mit durchschnittlich 3,4 km pro Stunde gleite ich entspannt der nächsten Selbstbedienungsschleuse entgegen. Woher ich das so genau weiß? Das entnehme ich der neuen Hand-App des DKV „canua“. Das Programm bildet die gefahrene Strecke auf digitalen Karten ab. Die Geschwindigkeitsmessung scheint korrekt, die Entfernungsbestimmung defekt. Ist noch eine Testversion.

 

Apropos Ausrüstung: Die technische Ausstattung der diesjährigen Tour ist umfangreicher denn je. Sie bestand bei meiner ersten Fahrt zur Müritz nur aus einem ausrangierten Nokia-Tasten-Mobiltelefon und einer Trillerpfeife, zur Schwimmweste gehörend. Die Trillerpfeife ist immer noch an Bord. Dazu gesellen sich heute außerdem eine Digital-Zoom-Kamera, eine Action-Kamera, ein Smartphone als zentrale Schaltstelle, ein Notebook, Bluetooth-Kopfhörer, drei Netzteile, ein Foto-Reserveakku, ein Solar-Stromspeicher, eine wasserdichte Handyhülle, eine Stirnleuchte und ca. 500 Meter Kabelsalat. Was soll mir da noch passieren können?

Die Bischofswerdaer Schleuse ist schnell geschafft. Ich komme gerade rechtzeitig zur Öffnung und darf bei den Großen mitschleusen. Einziger Unterschied: Es tauchen immer häufiger Motorboote auf, die es anscheinend eilig haben. Ich ändere meine Taktik bezüglich der Heckwellen. Bei anrückenden Überfliegern wende ich den Canadier und überwinde im rechten Winkel die Wellenberge. Diese Aktion beobachtend drosseln nachfolgen Yachten freiwillig ihre Geschwindigkeit. Das Manöver kostet zusätzlich Kraft und Zeit, weil der Vortrieb jedes Mal komplett zum Erliegen kommt. Es ist aber allemal besser, als ständig nasse Klamotten wechseln zu müssen und Sitzkissen zu trocken.


Der Vosskanal in seiner zweiten Hälfte wandelt sich zunehmend zur Lindenstraße. Millionen kleiner Lindensamen regnen auf die Wasseroberfläche, von teilweise böigen Winden gepflückt und setzen ihren Weg als Segelschiffchen fort. Die letzten eintausend Meter vor Zehdenick lüfte ich das Vereinslogo und präsentiere es bei der Stadtdurchfahrt. Eine allerletzte Schleusung, selbsttätig ausgelöst, findet statt. Ich umrunde das Havel-Inselchen und ziehe das Boot am Steg des Wassersportclubs an Land. Auf der angrenzenden Wiese werde ich mein Zelt aufbauen. Ich muss mich dringend nach einem Supermarkt umsehen, sonst ist mein Abendbrot gefährdet. Auf Kaffee und Kuchen hätte ich ebenfalls Lust. Dann will ich mal das Städtchen erkunden gehen. Morgen holen mich und Maja unsere braven Senioren, von ihrer eigenen und sicher erlebnisreichen 22-Seen-Tour zurückkehrend, hier, fern der Heimat, wieder ab. Danke Jungs!


Am Schluss will ich versuchen, kurz zu resümieren:

Die Fahrtstrecke betrug ca. 250 Kilometer, also etwa so weit wie die deutsche Elbe von Bad Schandau bis Aken; davon zwei Drittel ohne Strömung. Das war eine sportliche Herausforderung, die einige Tropfen Schweiß gekostet hat. Das Havelrevier nebst Kanälen von Brandenburg bis Berlin ist nicht unbedingt für Paddler zu empfehlen. Da kann Brandenburg mit geeigneteren Gegenden aufwarten, wie z.B. dem Spreewald. Der Sportboot- und Berufsverkehr hier auf den Wasserstraßen und den Seen ist einfach zu groß. Wanderpaddeln ist eigentlich nur in den frühen Morgenstunden und am Abend möglich, wenn auch die Stehpaddler sich endlich trauen.

Die Tierwelt ist mir überwiegend verborgenen geblieben. Enten und Schwäne hielten sich in sicherem Abstand. Ob das an dem vielen Motorenlärm liegt? Schmetterlinge und Libellen scheint das nicht zu stören. Sie flattern tausendfach an den Kanalrändern umher. Zum Beispiel die bei uns seltene Blauflügel-Prachtlibelle. Ansonsten trifft man viele badende Hunde, die Besitzer an der Leine am Ufer. Fünf Kilometer Elbe-Auenwald mit Reh, Wildschwein, Fuchs und Biber, Bussard, Milan und Adler haben da deutlich mehr zu bieten.

 An der Flora haben mich die ausgedehnten Teich- und Seerosengürtel an der unteren Havel fasziniert sowie die üppigen Waldgürtel mit ihren Baumriesen aus Akazien, Erlen, Weiden, Buchen, Ahorn und Eichen; am Oder-Havelkanal zunehmend Kiefern und Birken, am Vosskanal die Lindenalleen. Daneben findet man überall in der Uferzone Schilf, Grasstauden, weiße Trompetenblüten bildende Winden, rote Taubnesseln, Pfeilblatt.


Ruhe und Entspannung suchenden Wanderpaddlern kann ich diese Tour nicht mit ruhigem Gewissen empfehlen; Abenteurern und Extremsportlern schon. Für Sportfreunde, die sich von dem Geschilderten inspiriert fühlen, diese Tour einmal nachzupaddeln oder ähnliche Fahrten planen, habe ich ein paar „Ratschläge für Langstreckenpaddler“ im Kanuten 1x1 zusammengestellt.

Hier nun die Kurzfassung der Reise im Facebook-Stil: „Prima Fahrt. Bombenwetter. Dreimal nasser Hintern, aber keine bleibenden Schäden. Ciao!“


Kommentare: 2
  • #2

    Harry Schwenzel (Mittwoch, 08 August 2018 17:48)

    Danke Mathias ! Dein Reisebericht war wieder mal sehr interessant und unterhaltsam.
    Behalte bitte Deinen sinnigen Humor!
    Harry

  • #1

    Karl Heinz Schulze (Montag, 06 August 2018 15:59)

    Hallo Mathias

    Sehr schönes Erlebnis , mir reicht aber schon dein schöner Reisebericht.�
    Bis zum nächsten Abenteuer

    ���� Karl Heinz